Hintergrund

Flucht, Migration und Gesundheit
Laut Bundespsychotherapeutenkammer und DGPPN (dt. Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) besteht bundesweit ein hoher Bedarf an psychologischer Unterstützung für Asylsuchende und Geflüchtete. Ausgehend von Berichten der Psychotherapeutenkammer “leiden sie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (40 bis 50 Prozent) oder unter einer Depression (50 Prozent)”[1]. Traumatisierende Ereignisse in ihrer Heimat, Flucht, Vertreibung und die daraus resultierende Entwurzelung führen zu einer abrupten und gewaltsamen Unterbrechung des bis dahin geführten Lebensstils und zu einer immensen psychischen Belastung. Durch die Flucht und das Leben im Exil werden Geflüchtete mit ihnen bis dahin unbekannten bzw. veränderten Lebensumständen konfrontiert, die eine neue Orientierung verlangen, auf die sie jedoch in keiner Weise vorbereitet sind. Ihre Entscheidungshoheit, wo und wie sie ihr Leben führen wollen und können, werden in extremem Maße beschnitten. Die Entwurzelung kann zu einem Identitätsverlust führen, welcher meist schwere psychische Belastungen und eine stark erschwerte soziale und gesellschaftliche Teilhabe zur Folge hat. Vor allem Kinder und Jugendliche sind betroffen. Durch die oft unsicheren Aufenthaltsbedingungen werden psychische Belastungen noch verstärkt. Umso elementarer ist eine ausreichende psychosoziale Versorgung von Geflüchteten, um einem (langfristigen) Hemmnis von gesellschaftlicher und sozialer Teilhabe entgegenzuwirken. Die Schaffung adäquater Versorgungsstrukturen wurde auch in der Bundesärztekammer oder im Deutschen Ärzteblatt aufgegriffen und für eine präventive Arbeit mit geflüchteten Menschen plädiert.[2]

Barrieren
Gemessen am Bedarf besteht weiterhin nur minimaler Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung für Menschen mit Fluchthintergrund. Auf mehreren Ebenen existieren Barrieren, die eine adäquate Versorgung erschweren. Es bestehen individuelle Barrieren im Umgang mit Erkrankungen oder alternativen Behandlungskonzepte wie Schamgefühl, Selbststigmatisierung, Sprachbarrieren und Wissenslücken hinsichtlich des deutschen Gesundheitssystems. Strukturelle Barrieren entstehen zum einen durch das Fehlen von spezialisierten Psychotherapeut*innen mit Blick auf die Klient*innengruppe und zum anderen oft durch das Fehlen ausreichender multilingualer und kultursensibler Ressourcen, sowie geringer Flexibilität und Bereitschaft in den Versorgungsinstitutionen. Zudem können soziale Barrieren bestehen, bspw. durch fehlendes Wissen und durch Stigmatisierung im familiären Kontext oder in den entsprechenden Peer-Gruppen.[3]

Versorgungslage in Mecklenburg-Vorpommern
Eine Möglichkeit, den besonderen Bedarfen von Geflüchteten gerecht zu werden, ist die Gründung Psychosozialer Zentren (PSZ). Mittlerweile existieren 37 Psychosoziale Zentren, vernetzt in der “Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer” (BAfF). In Mecklenburg-Vorpommern gab es bisher ein PSZ in Greifswald (Träger: Kreisdiakonisches Werk), eine Anlaufstelle in Neubrandenburg, seit kurzem ein psychotherapeutisches Angebot in Güstrow und Rostock (Träger: Curiates e.V.) und die Integrative Psychosoziale Flüchtlingsberatung (IPF) als Modellprojekt in Rostock. In der über dreijährigen Arbeit der IPF zeigte sich ein kontinuierlicher Bedarf an Beratung, Fallbegleitung und Psychotherapie und damit die Notwendigkeit der Etablierung eines psychosozialen Zentrums auch in Rostock.


[1] https://www.bptk.de/aktuell/einzelseite/artikel/mindestens-d.html; https://www.dgppn.de/die-dgppn/referate/interkulturelle-psychiatrie-und-psychotherapie-migration.html

[2] “Ohne Sprachmittler funktioniert die Versorgung nicht”, Deutsches Ärzteblatt, Jg 116, Heft 7, 15. Feb. 2019

[3] Schneider et al. 2017: 12f.