Geschichte

Von der Integrativen psychosozialen Flüchtlingsberatung zum Psychosozialen Zentrum Rostock

Während der Geflüchtetenbewegungen im Herbst des Jahres 2015 wurde die Stadt Rostock Transitort und wichtiger Knotenpunkt für die Menschen, die sich auf ihrem Fluchtweg nach Deutschland und Skandinavien befanden. Zeitweise waren mehrere tausend Geflüchtete in der Stadt untergebracht. Daraus resultierten akut besondere Anforderungen an die hiesigen Versorgungsstrukturen, die sich im Zuge einer erhöhten Sensibilisierung zum Thema Asyl, Flucht und Migration im Aufbau spezifischer Strukturen niedergeschlagen haben. In Bezug auf Migrationsbewegung und Flüchtlingsaufnahme wurde von verschiedenen Akteur*innen und Organisationen immer wieder auf die Wichtigkeit von funktionierenden Integrationsprozessen und auf die besondere Versorgungssituation von Geflüchteten gerade aus Kriegs- und Konfliktregionen hingewiesen. Der Aufbau und die Förderung von psychosozialen Versorgungsstrukturen wurden von mehreren Fachgesellschaften (BÄK, BPTK, DGPPN, Bosch-Stiftung, Leopoldina) gefordert.

Im Jahr 2017 nahm das Projekt „Die Integrative psychosoziale Flüchtlingsberatung“ im Gesundheitsamt Rostock seine Arbeit auf. Hauptanliegen des Projektes war die Etablierung eines niedrigschwelligen und sprachmittler-gestützten Versorgungsangebotes für Geflüchtete  in Rostock mit Fokus auf psychisch belastete und körperlich kranke Menschen. In Form eines Interviews sollten Geflüchtete in medizinischen und psychosozialen Fragestellungen und Problemfeldern verantwortungsvoll unterstützt und durch Aufklärung, Information und Vermittlung im Ankommensprozess begleitet werden. Strukturell gesehen sollte mit dem Projekt ebenfalls dazu beigetragen werden, die koordinierte Weitervermittlung in die Regelversorgung zu gestalten und zu organisieren, um Versorgungslücken zu schließen.

Strukturell wurde eine wöchentliche Sprechstunde mit Ärzt*innen und Psycholog*innen etabliert, wobei alle Vorstellungen mit Sprachmittler*Innen durchgeführt wurden. Es erfolgte jeweils eine umfassende bio-psycho-soziale Anamneseerhebung, teils über mehrere Sitzungen, die Eingrenzung der aktuellen Probleme und die Weitervermittlung zu entsprechenden FachärztI*innen, Hilfe bei der Hausärzt*innensuche, Feststellung des Bedarfes an Psychotherapie, Durchführung von entlastenden Gesprächen und Beratung in sozialen Fragen. Anhand der Zuweiser*innen (v.a. Gemeinschaftsunterkünfte aus Rostock und Landkreis, Jobcenter, Sozialamt, Hausäzt*innen, Vereine der sozialen Arbeit) war bereits 2017 der hohe Bedarf an Beratung und Fallbegleitung ablesbar. Ab dem Jahr 2018 konnte eine Zusammenarbeit mit dem Psychosozialen Zentrum Greifswald und einem ambulanten Psychotherapeuten aufgebaut werden, sodass zumindest ein kleiner Teil der dringend behandlungsbedürftigen Menschen mit Hürden versorgt werden konnte.

Die therapeutischen Versorgungsmöglichkeiten blieben weiterhin stark begrenzt. Vor diesem Hintergrund, dem Ziel eines ganzheitlichen Versorgungsansatzes und in der Anlehnung an Konzepte von bestehenden Psychosozialen Zentren wurde die Planung zur Gründung eines Psychosozialen Zentrums begonnen. Im Oktober 2019 konnte der Ökohaus-Rostock e.V. als Dachverein für das PZS gewonnen werden. Die Transformation von der Integrativen Psychosozialen Flüchtlingsberatung hin zum Psychosozialen Zentrum konnte letztlich bis zum Jahr 2021 realisiert werden.

Chronologie

2015 Im Rahmen der Geflüchtetenbewegung ziehen ca. 30.000 Menschen aus verschiedenen Krisenregionen (v. a. Syrien, Afghanistan) auch durch die Stadt Rostock. Ein Großteil der Menschen reist nach Skandinavien weiter, ein anderer Teil verbleibt in Rostock und MV. In der ersten Woche erreichen bereits mehr als 2000 Menschen die Stadt. Die Bewohner*Innen der Stadt Rostock zeigen ein hohes Maß an Unterstützungs- und Hilfsbereitschaft. An verschiedenen Orten entstehen ‚Carepoints‘, die von Freiwilligen organisiert wurden. Zeitweise bestehen bis zu sieben Notunterkünfte in denen die Geflüchteten untergebracht sind.

Für die Versorgung der Menschen, die bereits eine lange Flucht oft lediglich zu Fuß und weitere Strapazen hinter sich haben, werden zwei offizielle medizinische Versorgungsstellen eingerichtet, die vom Gesundheitsamt und dem DRK/Südstadtklinikum betrieben werden. Die weitere Versorgung wird von freiwilligen Ärzt*innen sowie durch Vereine wie das Medinetz Rostock oder den Apotheker*innen unterstützt, die jeweils bspw. auch am Überseehafen vor Ort sind. Aus den Ereignissen heraus entstehen in der Stadt diverse Integrationsstrukturen wie Rostock Hilft, Newcomer Café, Schulpatenschaften etc.

2016 Aus den Erfahrungen der medizinischen Versorgung in den Notunterkünften entsteht eine Arbeitsgruppe von Beteiligten aus dem Gesundheitsamt, Sozialamt, Medinetz Rostock e.V., Apotheker*innen ohne Grenzen e.V., Gemeinschaftsunterkünften und ärztliche Kolleg*innen, die über Möglichkeiten und Notwendigkeiten einer Beratungsstelle zur Förderung der Integration und Gesundheit von Geflüchteten diskutiert. Die Einrichtung sollte im Kernpunkt für Menschen mit Fluchterfahrung einen niedrigschwelligen Zugang zum Gesundheits- und Sozialsystem schaffen mit einer kontinuierlichen Erreichbarkeit und in interkulturellem Setting. Im Vorfeld wird eine Bedarfsanalyse bei der ambulant tätigen Ärzteschaft durchgeführt.  Als Ergebnis wird eine psychosoziale Beratungsstelle erarbeitet, die am Gesundheitsamt angesiedelt sein sollte.  Die Finanzierung erfolgt aus dem Integrationsfond des Landes M-V. Gründungsmitglieder sind Dr. med. Franka Lepère, Dr. med. Tilo Schneider, Larissa Bischoff, Dr. med. Christian Dahlke, Franziska Rebentisch und Dr. med. Daniel Schubert.

2017 Im Februar nimmt die Integrative Psychosoziale Flüchtlingsberatung, am Gesundheitsamt  ihre Arbeit auf. Im ersten Jahr kann das Team der IPF in  wöchentlichen  Sprechstunden  57 Menschen betreuen.  Ein Drittel der geplanten Termine sind bereits Wiedervorstellungen zur psychosozialen Begleitung. Die Hauptherkunftsländer der Geflüchteten sind Syrien, Afghanistan und Iran. Am Ende des Jahres besteht das Team aus 10 Mitgliedern. Die Arbeit der IPF wird von Dahlke und Schubert (2018) systematisch ausgewertet und veröffentlicht.

2018 Im Vordergrund steht die Etablierung der Sprechstunde im sozialen Helfersystem. Auch im zweiten Jahr zeigt sich ein kontinuierlicher Bedarf der Beratung: 43 Menschen werden erstmalig gesehen und fast die Hälfte der durchgeführten Termine sind Wiedervorstellungen, teilweise zur komplexen Fallbegleitung. Menschen aus Syrien stellen sich weniger vor. Mit dem Psychosozialen Zentrum Greifswald wird der Kontakt zum Erfahrungsaustausch aufgebaut und die Vermittlung von Klient*innen zur Psychotherapie erprobt.

2019 Das Team wird um den Sozialarbeiter Florian Fröhlich  erweitert, womit eine soziale und asylrechtliche Beratung angeboten werden kann. Bei etwa gleich bleibenden Erstvorstellungen nehmen die Wiedervorstellungen fast zwei Drittel der geplanten Termine ein, womit die psychosoziale Versorgungsarbeit  der IPF deutlich wird. Menschen mit syrischer Herkunft treten deutlich hinter Menschen mit afghanischer oder anderer Herkunft zurück. Das Team kann ab Oktober um die Kunsttherapeutin Ana Duran erweitert werden. Die Finanzierung durch den Integrationsfond M-V läuft aus.

Parallel wird mit der Planung und Konzeptualisierung eines Psychosozialen Zentrums begonnen Ernst-Ludwig Iskenius, Mareike Ledigen, Franziska Rebentisch, Dr. med. Antje Schwesinger, Ulrike Wanitschke. In dessen Verlauf kann der gemeinnützige Verein Ökohaus e.V. als langjähriger Akteur in der Asylbetreuung in Rostock als Dachorganisation für das PSZ  gewonnen werden.

2020 Das Team der IPF setzt im Ehrenamt ihre Arbeit mit Umzug in die Praxis Lepère fort. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie müssen die Sprechstunden zeitweise auf Onlineberatungen umgestellt werden, womit das Instrument der Videosprechstunde erprobt und in die weitere Arbeit integriert werden kann. Zusammen mit dem Freien Studentenorchester Rostock wird im Februar ein Benefizkonzert für das Psychosoziale Zentrum in der Universitätskirche Rostock veranstaltet. Zur Finanzierung des PSZ werden Drittmittel und Spenden eingeworben.

2021 Das Psychosoziale Zentrum Rostock nimmt seine Arbeit in Fortsetzung der Integrativen Psychosozialen Flüchtlingsberatung auf. Das PSZ hat erstmalig eine festangestellte Sozialarbeiterin und kann Therapie vergüten. Mit dauerhaften Räumlichkeiten kann im Ärztehaus Parkstraße gerechnet werden.